Wenn der «Tunnelblick» zum Absturz führt
Im Winter 2021 entschied sich ein Pilot trotz widriger Wetterbedingungen für einen Rundflug. Nach dem Start verschlechterte sich die Wettersituation rapide. Der Pilot wollte umkehren und wieder am Zielflugplatz landen. Doch dort herrschte mittlerweile starkes Schneetreiben. Trotzdem entschied sich der Pilot für die Landung anzusetzen, eine fatale Fehlentscheidung. Anstatt auf einen anderen Flugplatz (Plan B) auszuweichen, flog er in die Schneewolke und stürzte ab.
Der Tunnelblick in der Aviatik ist ein gut erforschtes menschliches Leistungs- und Wahrnehmungsproblem. In der Aviatik bezeichnet er eine stressbedingte Verengung der Wahrnehmung, bei der Pilotinnen und Piloten ihre Aufmerksamkeit stark auf einen einzelnen Reiz oder ein konkretes Problem fokussieren, während andere wichtige Informationen ausgeblendet werden. Dabei handelt es sich nicht um eine Sehschwäche, sondern um eine natürliche Reaktion des menschlichen Körpers auf Stress, Zeitdruck oder wahrgenommene Gefahr. Durch die Aktivierung des sympathischen Nervensystems werden Hormone wie Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet, was zwar kurzfristig die Reaktionsbereitschaft erhöht, gleichzeitig aber das periphere Sehen, die kognitive Flexibilität und die feinmotorischen Fähigkeiten einschränkt. Das Gehirn priorisiert in solchen Momenten einfache Überlebensmechanismen anstelle einer umfassenden Situationsanalyse.

